DEMENZ – eine Information zum Krankheitsbild
Man geht davon aus, dass ca. 1 Million Menschen in der Bundesrepublik Deutschland an Demenz erkrankt sind, davon ca. 700.000 an einer Alzheimer Demenz. Demenz ist für die Erkrankten ein schweres Schicksal, da sie mit fortschreitender Erkrankung ihre Identität und ihr Leben verlieren. Trotzdem ist es auch mit einer Demenz möglich, Freude zu erleben und lachen zu können. Dies ist auch von einem akzeptierenden, verstehenden und geduldigen Umgang abhängig. Menschen mit Demenz benötigen häufig feste Strukturen und gleichbleibende und geduldige Bezugspersonen, die ihnen Halt und Geborgenheit vermitteln und helfen, ihre Würde und Identität zu wahren.
Für pflegende Angehörige ist es häufig sehr schwer, diese großen Herausforderungen zu leisten. Und daher stellt auch für sie die Demenz einen schwerwiegenden Einschnitt dar. Gefordert ist häufig eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung und die Auseinandersetzung mit schwierigen und unverständlichen Verhaltensweisen. Die Zeit, den eigenen Bedürfnissen und Interessen nachzugehen, kann immer weniger werden.
Diese Seiten sollen einen kurzen Überblick über den heutigen Kenntnisstand zum Thema Demenz aus medizinischer Sicht geben. Sie versuchen zudem, an einigen Stellen die Gefühlswelt der Erkrankten besser verständlich zu machen.
1. Demenz – was ist das?
Unter Demenz werden alle Erkrankungen zusammengefasst, die mit einer Störung der kognitiven Leistungsfähigkeit einhergehen. Insbesondere zählen dazu die Verschlechterung von Gedächtnisleistungen, des Denkvermögens, der Sprache und der praktischen Fähigkeiten.
Das Leitsymptom der Demenz ist die Vergesslichkeit – am Anfang ist vor allem das Kurzzeitgedächtnis betroffen. Häufig fällt am Beginn der Erkrankung auf, dass die Betroffenen sich an selbstverständliche alltägliche Geschehnisse, wie beispielsweise das Mittagessen, nicht mehr erinnern können. Mit zunehmendem Verlauf sind aber auch andere Leistungen des Gehirns betroffen, wie beispielsweise das logische oder abstrakte Denken. Dieses führt dazu, dass die Betroffenen zunehmend auf fremde Hilfe angewiesen sind.
Demenz ist ein gravierender Einschnitt für die Betroffenen und geht häufig mit Angst, Aggressionen, Nachlassen der Motivation oder sozialem Rückzug einher. Die Angst, dem Alltag und den Erwartungen seiner Mitmenschen nicht mehr gerecht werden zu können, kann Grund für diese Tendenzen sein. Wie ein Mensch reagiert, ist vor allem abhängig von seiner Persönlichkeit, seiner Biografie und seinem Umfeld.
2. Formen der Demenz
Demenz ist in der Regel eine Erkrankung des hohen Alters. Es gibt verschiedene Formen, von denen die häufigste und bekannteste die Alzheimer Demenz ist. Eine Demenz kann aber auch im Rahmen einer Parkinson Erkrankung auftreten oder Folge eines erhöhten Alkoholkonsum sein. An dieser Stelle sollen kurz die häufigsten Formen beschrieben werden.
2.1. Alzheimer Demenz oder Morbus Alzheimer
Die Alzheimer Demenz wurde am Anfang des 20. Jahrhundert von dem bayerischen Neurologen Alois Alzheimer erstmals beschrieben und nach ihm benannt. Die genaue Ursache der Alzheimer Demenz ist bis heute noch nicht bekannt.
Bei einer Alzheimer Demenz sterben im Gehirn Verbindungen zwischen den Nervenzellen ab, so dass eine Verleitung und Verarbeitung von aufgenommenen Reizen nicht gewährleistet ist. Dabei sind nicht alle Gebiete im Gehirn gleich betroffen. Mit am ersten wird das Kurzzeitgedächtnis in Mitleidenschaft gezogen. Erinnerungen im Langzeitgedächtnis bleiben den Betroffenen noch lange erhalten und können entsprechend gefördert werden.
2.2. Vaskuläre Demenz
Diese Form der Demenz wird durch kleine, meist unbemerkte Schlaganfälle verursacht. Durch die Durchblutungsstörungen werden bestimmte Gebiete im Gehirn nicht mehr versorgt. Betroffene leiden häufig unter Sprachproblemen, Lähmungen einer Körperhälfte oder Stimmungsschwankungen. Auch epileptische Anfälle können auftreten. Bei der Vaskulären Demenz kommt es (wie beim Schlaganfall oder Herzinfarkt) zur Schädigung der Blutgefäße, die die Ursache für die Durchblutungsstörungen sind. Risikofaktoren sind u.a.:
• Erhöhte Blutfette
• Erhöhter Blutdruck
• Rauchen
• Bewegungsmangel u.v.m.
Die Behandlung dieser Form der Demenz setzt auf eine Verbesserung der Durchblutung im Hirnbereich. Sie ist ähnlich der Behandlung von anderen Durchblutungsstörungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall.
2.3. Frontotemporale Demenz oder Morbus Pick
Diese Demenz kann man als Sonderform der Demenz bezeichnen. Sie betrifft vor allem die Bereiche des Stirn- und Schläfenlappens des Gehirns. Sie unterscheidet sich von anderen Formen der Demenz deshalb, da sie vergleichsweise früh auftritt – teilweise schon mit 50 bis 60 Jahren. Die Betroffenen leiden weniger an Gedächtniseinbußen oder Nachlassen der praktischen Fähigkeiten. Im Zentrum dieser Erkrankung stehen Veränderungen des Sozialverhaltens und der Persönlichkeit. Insbesondere mit dem enthemmten Verhalten ist es für die Umgebung schwierig umzugehen.
3. Stadien der Demenz
Die Erkrankung Demenz ist ein fortschreitender Prozess. Bei der Alzheimer Demenz kann man diesen Prozess in unterschiedliche Phasen einteilen, die ineinander über gehen. Die Grenzen sind fließend.
3.1. Leichte Demenz
Die ersten Symptome einer Alzheimer Demenz sind häufig sehr unspezifisch. Die Betroffenen haben Lücken im Kurzzeitgedächtnis und können sich an Gespräche, Handlungen wie das Mittagessen oder das Ablegen der Brille schon nach kurzer Zeit nicht mehr erinnern. Weiterhin können sie sich häufig nicht mehr an Verabredungen, Absprachen oder ähnliches erinnern. In dieser Phase fällt die Vergesslichkeit häufig auch Außenstehenden auf. Macht man sie darauf aufmerksam, reagieren die Betroffenen – je nach Typ und Temperament – mit Rückzug, ausweichenden Antworten, Redewendungen. Manche Menschen reagieren auch ungehalten und werden aggressiv. Auffällig in dieser Phase ist, dass auch der Redefluss sich verändert. Die Betroffenen verwenden häufig Füllwörter wie „dieses Dings da“ oder „ach du weißt schon“, weil sie die richtigen Worte nicht mehr finden. Auf präzise Fragen wird zunehmend ausweichend geantwortet, weil man diese Fragen nicht mehr korrekt beantworten kann. Die Betroffenen sind in dieser Phase häufig in der Lage eine Art Fassade aufzubauen, die sie vor dem Bloßstellen schützt. Dies ist für sie ein Schutzmechanismus, mit dem es aus betreuerischer Hinsicht sorgsam umzugehen heißt.
Ein Leben in den eigenen vier Wänden ist in dieser Phase häufig mit Unterstützung noch möglich. Häufige Hilfen sind die Unterstützung der Medikamentengabe, die Mahlzeitenzubereitung oder Hilfe bei der Reinigung von Kleidung und Wohnung. Dieses kann durch verschiedene Dienste wie Pflegedienst, Essensservice, Reinigungskraft realisiert werden.
3.2. Mittelschwere Demenz
Die Demenz schreitet fort und die Symptome des ersten Stadium schreiten weiter fort. Zunehmend werden sich die Leistungen des Gedächtnisses und des Denkvermögens so verschlechtern, dass seine selbstständige Lebensführung in den eigenen vier Wänden ohne dauerhafte fremde Hilfe nicht mehr möglich ist. Die Betroffenen finden sich immer weniger in fremder Umgebung zurecht, die Körperpflege, das Anziehen und das Essen werden zunehmend schwerer. So kann es passieren, dass die Betroffenen nicht die Wetterlage einschätzen können und im Winter mit einem Sommermantel bekleidet das Haus verlassen und auch den Weg zurück zu ihrer Wohnung nicht mehr finden. Die sprachlichen Fähigkeiten verschlechtern sich, Sätze ergeben scheinbar keinen Sinn mehr und Fragen werden nicht mehr beantwortet. In diesem Stadium wird auch das Langzeitgedächtnis in Mitleidenschaft gezogen. Die Betroffenen können sich immer weniger an ihr Leben erinnern und brauchen Menschen, die es mit ihnen gemeinsam tun. Nicht selten wird in dieser Phase über eine stationäre Betreuung nachgedacht.
3.3. Schwere Demenz
In dieser Phase benötigen die Betroffenen in allen Lebensbereichen Unterstützung. Neben den zunehmenden Einschränkungen der Hirnleistungen kommen jetzt auch starke körperliche Gebrechen hinzu. Dies kann bis zur vollständigen Bettlägerigkeit führen. Die Sprache ist zunehmend eingeschränkt und reduziert sich häufig auf wenige Worte und sog. Lautieren. Die nonverbale Kommunikation – also Sprechen über Berührung und Mimik –erlang in diesem Stadium eine hohe Bedeutung. Gefühle werden von den Betroffenen über beispielsweise Lächeln, Weinen oder Atemrhythmus kommuniziert.
Für alle Stadien gilt, dass Menschen mit Demenz äußert sensibel sind und ihre Umgebung sehr genau wahrnehmen. Sie empfinden und interpretieren Situationen unter Umständen anders als ihre Umwelt dies tun würde. Ihre Reaktion ist aber in der Regel stimmig und hat eine Bedeutung für sie.
Beispiel: Ein Mensch mit Demenz möchte – obwohl er schon jahrelang im Ruhestand ist – jeden morgen zur Arbeit gehen. Aus seiner Sicht kann das richtig sein, weil er sich selbst als arbeitsfähigen, jungen Menschen wahrnimmt und zu seinem Lebensrhythmus frühes Aufstehen dazugehört. Natürlich reagiert er auf jeden, der ihn versucht davon abzuhalten, unwirsch vielleicht sogar aggressiv. Er versteht nicht, dass er nicht zur Arbeit gehen darf.
4. Diagnostik der Demenz
Verwirrtheitszustände können unterschiedliche Ursachen haben. Eine Demenzdiagnostik ist notwendig, um sicherzustellen, ob es sich und um welche Art der Demenz es sich handelt. Dies ist Grundlage für eine Therapie.
4.1. Arztbesuch
In der Regel ist es der Hausarzt, den man als erstes kontaktiert. Es kann aber auch ein Neurologe aufgesucht werden. Häufig ist es schwierig, Betroffene zu überzeugen, dass das notwendig ist. Hier benötigen pflegende Angehörige viel Geduld und Überzeugung. Der Arzt nimmt zunächst eine Untersuchung des körperlichen und geistigen Zustandes vor. Manchmal müssen auch die Betroffenen sog. Tests durchführen, wo ihre Leistungsfähigkeit überprüft wird. Für Ärzte sind auch die Schilderungen der Angehörigen wichtig, um sich ein Bild von dem Betroffenen und seiner (häuslichen) Situation zu verschaffen.
4.2. Laboruntersuchungen und neurologische Untersuchungen
Zu einer Diagnostik gehören auch Blut- und Urinuntersuchungen. Hier geht es im wesentlichen darum, andere Ursachen für die Symptome zu ergründen bzw. auszuschließen.
Manchmal werden zur Unterstützung der Diagnostik auch ein Computertomogramm (CT) oder andere radiologische Untersuchungen durchgeführt.
5. Medikamentöse Therapie der Demenz
Dieser Abschnitt konzentriert sich auf die Behandlung der Alzheimer Demenz. Die Vaskuläre Demenz wird ähnlich behandelt wie vergleichbare Gefäßerkrankungen beispielsweise bei Herzinfarkt.
Die medikamentöse Therapie bei einer Alzheimer Demenz ist nie heilend. Sie ist allenfalls in der Lage, das Fortschreiten der Demenz zu verlangsamen. Die medikamentöse Therapie muss immer wieder vom Arzt auf ihren Nutzen überprüft werden. Bei der Einnahme können Nebenwirkungen auftreten, die u.U. für den Betroffenen sehr belastend sind.
Es gibt nur wenige Medikamente, die wirklich von Nutzen bei einer Alzheimer Demenz sind. Es ist daher ratsam, immer eine Einnahme mit dem Arzt zu besprechen.
5.1. Medikamente im frühen und mittleren Stadium
Das Ziel der Medikamente in diesem Stadium ist die Hirnleistungsfähigkeit zu verbessern, damit die Betroffenen sich besser erinnern können. Auch die Alltagsfähigkeiten können durch die Medikamente teilweise verbessert werden. Nebenwirkungen dieser Medikamente sind häufig Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall.
5.2. Medikamente im mittleren und schweren Stadium
Medikamente, die in diesen Stadien eingesetzt werden, zielen im wesentlichen auf die Alltagsfähigkeiten ab und versuchen, diese zu verbessern. Auch hier können Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen und Durchfall auftreten.
Um die Nebenwirkungen zu reduzieren, wird die Behandlung mit einer geringen Dosis gestartet und dann kontinuierlich gesteigert.
6. Nichtmedikamentöse Therapie der Demenz
Auch die nichtmedikamentöse Therapie hat eine große Bedeutung bei der Behandlung von Demenzerkrankungen. Im wesentlichen wird versucht, die alltagspraktischen Fähigkeiten möglichst lange zu fördern und zu erhalten. Beispielsweise sind Maßnahmen der Krankengymnastik, der Ergotherapie und der Logopädie sinnvoll.
Mit der Erinnerungsarbeit wird versucht, den Betroffenen ihr Leben und ihre Identität zu erhalten. Beispielsweise können mit lebensprägenden Gegenständen, Fotografien, Bücher oder ähnlichem Lebenserinnerungen wachgerufen werden.
Zu solchen Maßnahmen gehören auch Entlastungsangebote für Angehörige. Sie sollen helfen, die häusliche Situation zu stabilisieren und Isolation und Erschöpfungszuständen entgegenzuwirken. Angehörigen wird häufig auch empfohlen eine Selbsthilfegruppe zu besuchen. Die Pflegeversicherung bietet pflegenden Angehörigen von Menschen mit Demenz eine finanzielle Unterstützung an, damit Entlastungsangebote in Anspruch genommen werden können. Dazu muss ein Antrag bei der Pflegekasse gestellt werden.
Literaturhinweise:
www.patientenleitlinien.de/Demenz/demenz.html
Kitwood, Tom (2000): Der personenzentrierte Ansatz – zum Umgang mit verwirrten Menschen, Verlag Hans Huber
Klessmann, E. (2001): Wenn die Eltern Kinder werden und doch die Eltern bleiben, 5. durchgesehene und ergänzte Auflage, Verlag Hans Huber, Bern
März 2010 Charlotte Boes